Beiträge von Custy

    Scar


    Nachdenklich und stirnrunzelnd blickte ich ihr noch einen Moment nach, ehe ich die stressigen Gedanken kurzerhand fortwischte, noch etwas zu trinken bestellte und einen Augenblick die "Ruhe" genoss. In meinem herrschte beinahe schon eine friedliche Stille.

    Die Wirtin musterte mich skeptisch, obwohl sie wohl glaubte, ich würde es nicht bemerken. Wahrscheinlich hatte sie heimlich gewettet, dass sie sich bis zu meiner Abreise noch Ärger einhandeln würde, aber ich trank ruhig aus und machte mich im Anschluss gemütlich auf zu meinem Zimmer. Dort schnappte ich mir meinen Beutel, ließ noch einmal den Blick schweifen, griff mir den Schlüssel und machte mich damit auf den Weg zum Empfangstresen. Zahlen. Wenn Nennt-mich-Fiona bis dahin nicht auftauchte, würde ich sie wohl persönlich abholen müssen.



    Lumira


    Meine Lippen formten bei seiner Erwiderung ein noch weiteres Lächeln als ohnehin schon. Narvik war einfach... großartig. Das ich diesen Begriff einmal verwenden würde, beziehungsweise in meiner Verzweiflung darauf zurückgreifen musste, weil mir allmählich die Superlative ausgingen. Was hatte ich nur die letzten 18 Jahre meines Lebens verpasst? Aber Zeit konnte man weder zurückdrehen, noch aufholen. Und so blieb mir einzig der Trost, dass noch die Chance auf viele glückliche Jahre bestand, die ich aufgrund der Vergangenheit umso mehr zu schätzen wissen würde.

    Während meine Hände durch sein Haar streichelten, fiel mein Blick wieder auf den Ring an meinem Finger. Es mochte ein provisorischer Faden sein, aber das hatte keinerlei Auswirkung auf seine Bedeutung. Ein Ring blieb es immer noch. Ich wusste nicht, ob Narvik ahnte, was ich damit verband, wo ich nicht einmal wüsste, wie ich es in Worte packen sollte... Das Ewigkeitssymbol beiseite gelassen, war es wohl einfach das Zeichen von Liebe und Verbundenheit, dass ihn mir so wertvoll machte. Das hier war besser als alles, was ich mir jemals auch nur zu erträumen gewagt hatte.

    Scar


    Natürlich bestätigte sie die Worte. Nichts anderes hatte ich erwartet, in sowas hatte ich im Grunde immer Recht. Ich grinste beinahe schon zufrieden, beobachtete dann jedoch mit einem gewissen Erstaunen, wie sie sich in Folge ihrer Worte erhob und umwandte. Sie wollte gehen? Eigentlich nur umso besser, damit hatte ich aber nun wirklich nicht gerechnet, dass sie sich so schnell wieder davonmachen würde.

    "In Ordnung. Du hast fünfzehn Minuten", gab ich gelassen zurück, das Fünkchen Erstaunen ließ ich mir jedenfalls kaum anmerken. Wir wollten hier mal nicht wieder vergessen, wer hier Jäger und wer Erjagter war. Solange sie nicht an den Auftraggeber abgeliefert war, betrachtete ich Nennt-mich-Fiona als eine Art Gefangene. Jäger-Logik, weil ich sie mit niemandem teilte, musste sich auch niemand die Mühe machen, sie verstehen zu wollen. Fünfzehn Minuten. Genau die Zeit, die ich brauchen würde, um in Ruhe noch etwas zu trinken und meinen Beutel aus dem Zimmer zu holen. Gepackt hatte ich immer, beziehungsweise packte ich gar nicht erst aus. Für lange Aufenthalte nicht und für kurze schon gar nicht. Ich war immer abreisebereit. Das hatte sich schon des Öfteren als gut erwiesen. Denn wer vorbereitet war, konnte nicht so leicht überrascht werden.



    Lumira


    Liebevoll suchten meine Finger sich ihren Weg durch Narviks dichtes Haar. In der Tat gefiel mir die Länge gar nicht mal so schlecht, die es mittlerweile hatte, je länger ich darüber nachdachte. Er sah damit noch etwas "wilder" aus und ich die halblangen Strähnen, die ihm vorne ins Gesicht fielen, waren durchaus sehr ansehnlich... Vielleicht ließ Narvik sich ja überzeugen, sie nur hinten etwas zu kürzen. Bestimmt kitzelten sie bei ihrer Länge mittlerweile im Nacken. Aber wenn sie nicht ganz so kurz waren, hatte ich durchaus mehr, das meine Finger greifen konnten. Nun wanderten sie bis zu seinem Hinterkopf, wo ich begann, meine Fingerkuppen mit leichtem Druck in seine Kopfhaut zu graben und so auf sanfte Weise zu massieren. Das grenzte schon an Multitasking, weil seine Lippen an meinem Hals mich doch sehr einnahmen. Da war es gar nicht so leicht, sich nebenher auf etwas anderes zu konzentrieren, selbst wenn es so selbstverständlich geschah wie meine Finger durch sein Haar gleiten zu lassen...

    "Das hatten wir schon viel zu lange nicht mehr. So einen Moment, meine ich. Tagsüber, allein, nur für uns", murmelte ich leise. Tatsächlich hatte sich unsere gemeinsame Zeit seit wir beide hier arbeiteten, auf die abendlichen und nächtlichen Stunden begrenzt. Am Anfang war es sehr seltsam gewesen, wo wir die Wochen davor doch rund um die Uhr zusammen verbracht hatten. Aber auch jetzt, war es schwer, sich daran zu gewöhnen. Wahrscheinlich weil es einfach etwas war, an das man sich am liebsten überhaupt nicht gewöhnen wollte. Andererseits war die Vorfreude auf den Abend jeden Tag riesig und egal wie müde und erschöpft wir auch waren, ich genoss die gemeinsame Zeit, die uns erhalten blieb umso mehr. Ich lächelte. "Ich bin glücklich."

    Scar


    Ich griff mir das Wasserglas und leerte es in einem Zug. Anschließend lehnte ich mich wieder - betont entspannt - zurück. Damit, dass Ranya bald zurück kam, rechnete ich gar nicht erst. Sie genoss mit großer Sicherheit ihr vorläufiges Entkommen. Mir war das im Grunde auch egal.

    "Ich nehme mal an, du hast keine Lust, zu plaudern?", wandte ich mich spöttisch an Nennt-mich-Fiona. Das eigentlich unterhaltsame an dieser vielmehr rhetorischen Frage war, dass ich normalerweise wohl der Letzte wäre, der gerne plaudern würde. Somit würde mich auch anhaltendes Schweigen zufriedenstellen. Ausnahmsweise hätte ich aber auch nichts gegen eine kleine Unterhaltung, die im Zweifelsfall wahrscheinlich eher einem Verhör ähneln würde, denn ich war mir sicher, dass dieses Weib mehr als nur "Etwas" zu verheimlichen hatte. Und ich wüsste schon gerne, was.



    Lumira


    Narvik nahm seine vorherige Betätigung quasi nahtlos wieder auf. Ich seufzte abermals zufrieden, seine so unglaublich sanften Berührungen waren mehr als nur angenehm. Bloß konnte ich mich so vorläufig nicht revanchieren. Solange es ihn nicht störte, sollte mir das Recht sein, so konnte ich einfach genießen. Und zumindest mit der Hand, die nicht wunderbar warm in seiner lag, seinen Kopf zu umfassen und in seinen weichen, dunklen Haaren zu vergraben. Vielleicht genügte ihm im Moment auch schlicht allein das, was er tat, ohne dass ich groß aktiv wurde, kam es mir noch in den Sinn, ehe ich erneut die Augen schloss und mich seinen Lippen hingab.

    Scar


    Typisch. Ranya schien vorzuhaben, mich mit Nennt-mich-Fiona alleine zu lassen. Sollte mir Recht sein. Nur musste sie sich dessen auch bewusst sein, dass das bestimmt nicht die beste Idee war. Was Nennt-mich-Fiona betraf, selbstverständlich. Denn um mich selbst sorgte ich mich kein bisschen. Um Nennt-mich-Fiona nur eben auch nicht. Ich war der Jäger, sie die Beute und wenn ich zu härteren Methoden griff, um dieses Verhältnis durchzusetzen, dann lag die Verantwortung sicher nicht bei mir. Ich könnte ebenfalls gehen, aber irgendwie bereitete mir das Provokative, das die Situation allein schon durch ihre Existenz in sich trug, unheimliche Freude. Zudem hielt ich es für klüger, diese Frau im Auge zu behalten. Man wusste nie, was in der Zeit bis zum Aufbruch noch passieren könnte.



    Lumira


    Ich schien Narvik durch meine Aktivität für einen Augenblick ziemlich abzulenken (was mir durchaus gefiel), doch wirklich ins Wanken kam er nicht. Das hätte ich immerhin auch in keinster Weise beabsichtigt.

    Ich musste gar nicht aufschauen, um zu wissen, dass wir uns an unserem Schlafplatz befanden, als Narvik die Ende meiner "Reise" auf seinen Armen verkündete und in die Knie ging.

    "Gut, hier bleiben wir", erwiderte ich breit lächelnd auf seinen Kommentar. Schon im nächsten Moment spürte ich die weichen Decken unter mir. Daran, ihn dabei loszulassen, dachte ich allerdings kein bisschen. Stattdessen hielt ich ihn weiterhin fest und zog ihn am Kragen kurzerhand mit mir hinunter.

    Scar


    Fionas Blick sprach Bände. Schon ihre Augen sprachen für sich. Ich hielt mich da allein aus strategischen Gründen bedeckt. Ein bisschen Verwirrung und Verunsicherung waren eigentlich immer ganz nett. Auch wenn mein emotionsloser Gesichtsausdruck in den meisten Fällen schlicht der Wahrheit entsprach. Wie dem auch sei, es war gut, dass die Wirtin bald Fionas bestellte Portion brachte und ihr damit wortwörtlich fürs Erste das Maul stopfte. So musste ich mir auch nicht weiter überlegen, wie ich es am besten schaffte, nicht auf ihre Provokationen einzugehen. Das lag mir eigentlich nicht so. Dass es bei ihr im Grunde so erbärmlich war und damit etwas Entwürdigendes hätte, erleichterte das Ganze jedoch erheblich.



    Lumira


    Ich grinste, als Narvik zusammenzuckte. Ihn hatte wohl etwas Nasses getroffen.

    Ich wollte gerade schmollend die Unterlippe vorschoben, als er mich kurzerhand hochhob. Seine Worte funktionierten nicht mehr ganz als Vorwarnung, weshalb ich im Reflex sein Hemd zu fassen bekam. Zum Glück musste ich mich aber gar nicht groß festhalten, Narvik hielt mich gut fest. Weil ich sein Hemd am Ausschnitt damit ohnehin schon etwas heruntergezogen hatte, nutzte ich die Gelegenheit direkt, mich ein bisschen zu revanchieren, indem ich meine Lippen die Stelle dort vom Brustansatz bis zum Schulteransatz bewandern ließ. Darüber, dass Narvik mit mir zusammen stürzen könnte oder zumindest doch mich fallen lassen könnte, machte ich mir keine Sorgen. Genau genommen fühlte ich mich sehr sicher in und auf seinen Armen.

    Scar


    Ich lehnte mich belustigt zurück und beobachtete die beiden Frauen. Das Lustigste war, dass Nennt-mich-Fiona, die deutlich älter war, Ranya außer Gezeter nichts weiter entgegenzusetzen haben schien (mal abgesehen Savon, dass sie und beide Jungspunde nannte...).

    Wir wirklich möglichst bald aufbrechen. Es wurde Zeit, dass sich unsere Wege trennten. Was der gute Jonny mit Nennt-mich-Fiona wollte war mir ein Rätsel, aber es sollte mich auch nicht weiter kümmern. Hauptsache er war glücklich, ich war zufrieden und alles wäre wunderbar. Von mir aus konnte er mit ihr nach Herzenslust tun und lassen was er auch wollte.



    Lumira


    Kaum, dass wir die Scheune betreten hatten und die Nässe von oben zumindest deutlich weniger wurde (wenn auch vereinzelt Wasser durch die zahlreichen Spalten und Lücken im Scheunendach auf uns hinabtropfte), wirbelte Narvik mich zu sich herum, indem er meine Handgelenke packte und mich zu sich zog. Ich lachte und biss mir bei seinen Worten grinsend auf die Unterlippe. Mit diesem Blick machte er mich wahnsinnig.

    "Ich dich auch", murmelte ich mit einem zufriedenen Seufzen, während ich mit geschlossenen Augen seine Küsse genoss. Hals war immer eine gute Stelle, ich hatte keine Ahnung ob das jeder oder nur mir so ging. Egal.

    Scar


    Natürlich tat Nennt-mich-Fiona so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich hatte bewirken wollen. Ich wollte gerade ebenfalls heftig etwas erwidern (wollten wir doch mal sehen, wer hier wen fürchten musste), Angst vor ihren Ohrfeigen hatte ich jedenfalls nicht. Doch ich sagte vorerst nichts. Allerdings war es sicher nicht der Blick, den Ranya mir zuwarf und der wohl genau das bezwecken sollte, sondern vielmehr ihre folgenden Worte, die mich zu erstauntem Schweigen veranlassten. Sie schien diese Team-Sache tatsächlich ernst zu meinen.



    Lumira


    Als in Folge seiner Worte wieder dieses schelmische, mir mittlerweile gut bekannte Funkeln in seine Augen trat, musste ich ebenfalls grinsen. Ich legte meinen Arm erst um seine Hüfte, entschied mich dann aber doch wieder für die Hand, an der ich nun stattdessen zog.

    "Komm!", rief ich lachend und lief los, in Richtung Scheune. Weil es immer noch regnete, taten wir wohl besser daran, auf möglichst direktem Weg unsere Behausung aufzusuchen. Der Himmel war trüb und grau, der Horizont kaum auszumachen, weil alles in zähem Nebel zu verschwimmen schien. So wie es im Moment aussah, würde sich an den Wetterumständen am heutigen tag auch nicht mehr viel ändern.

    Scar


    Meine Augenbrauen wanderten noch etwas weiter in die Höhe. Ich schnaubte verächtlich.

    "Was wir sind oder nicht ist mir egal. Aber ich brauche definitiv keine Erlaubnis, wen ich hier duze oder nicht, das entscheide ich einfach selbst. Ich erinnere dich selbstverständlich gerne noch einmal, dass du hier am wenigsten zu sagen hast. Du bist der Auftrag, Jonny will dich lebend, also bleibst du das auch. Das heißt aber auch nicht, dass du dir mehr herausnehmen kannst. Aber sei beruhigt: Bald hat sich das Ganze wohl ohnehin erledigt." Ich verzog spöttisch den Mund. "Lass es dir schmecken."



    Lumira


    Ich neigte zum Zeichen meines Dankes noch einmal den Kopf, ehe ich auf den Gang hinausschlüpfte. Narvik hielt ganz ehrenhaft die Tür für mich auf. Als sie leise hinter uns ins Schloss einrastete, blieb ich erst einmal stehen und griff nach seiner Hand, die ich sanft drückte.

    Anschließend steuerte ich uns zielsicher den Gang zurück, den wir gekommen waren und in den Eingangsbereich. Von Mathilda war immer noch nichts zu sehen. Dennoch steckte ich einmal kurz den Kopf ins Dienstmädchenzimmer. Weil ich sie auch dort nicht fand, schrieb ich kurzerhand eine knappe Nachricht auf einen Zettel mit Mathildas Namen darauf, den ich zusammengeklappt und gut sichtbar auf einem kleinen Tisch drapierte. Die Uniform behielt ich lieber vorerst an.

    Draußen bleib ich kurz stehen.

    "Lief doch ganz gut", fasste ich das Gespräch zusammen. Ich war immer noch etwas ungläubig, was das Kleidungsversprechen und die Unterweisung anging. Dazu stand fürs Erste jedoch die unverhofft erhaltene Freizeit an. In Narviks Blick las ich, dass er ähnlich dachte. Wir sollten die Zeit nutzen.

    Scar


    Tatsächlich kam Nennt-mich-Fiona nur kurze Zeit später in den Gastraum getapert. Ich hatte die ersten zwei von drei Scheiben Brot bereits vertilgt, ein zweites Glas Wasser war quasi auf dem Weg. Ich hatte die Unterarme auf die Banklehne hinter mir gelegt und sah ihr spöttisch entgegen.

    "Hast du dich verlaufen? Oder war die Matratze vielleicht zu hart? Beeil dich mit dem Essen, wir haben nicht mehr ewig Zeit."

    Scar


    Mich befremdete zwar etwas, dass Ranya uns nun dermaßen als Team darstellte, aber besser sie auf meiner Seite als sie als zweite Person, die es sich zur Aufgabe machte, mir anderweitig auf die Nerven zu gehen. Außerdem war ich für den Moment viel zu sehr auf mein Essen fokussiert, ich hatte wirklich Hunger. Ich zwang mich regelrecht dazu, nicht alles auf einmal zu verschlingen, sondern dazwischen wenigstens ein paar mal zu kauen. Mal sehen, wie lange Nennt-mich-Fiona auf sich warten lassen würde. Sollte sie nicht mehr zum Frühstück erscheinen, würde ich sie eben direkt aus dem Bett abholen und sie darauf verzichten müssen.



    Lumira


    Ich nickte. "Natürlich, wir werden da sein."

    Es war nett von Cathan, dass er alles so zeitnah organisieren wollte. Dass wir schon heute eine Unterweisung erhalten würden, damit hatte ich in der Tat nicht gerechnet. Auf einmal war die ganze Angelegenheit, die bisher nichts weiter als ein absurdes Angebot und zugleich ernste Überlegung gewesen war, so real, fast greifbar. Ich sah zu Narvik. Hatte er doch noch eine Frage oder würden wir gehen?

    Scar


    "Schon gut, in Ordnung", brummte ich. "Ich habe ja verstanden, dass du mit deinem Leben zufrieden bist. Umso besser. Dann haben wir zumindest im Grunde alle Anlass zu guter Laune. Bei Nennt-mich-Fiona bin ich mir da ausnahmsweise nicht ganz so sicher, aber sie leidet offensichtlich auch unter Stimmungsschwankungen." Das wurde mir gerade eindeutig zu gefühlig, ich meinte beinahe, hören zu können, wie es unter Ranyas Oberfläche brodelte. Nur war ich niemand mit besonderen psychischen Kenntnissen, noch der Sorgenonkel, dem andere ihre Probleme nahezubringen pflegten. Ich war jemand, den so etwas schlicht überforderte.

    Kurz darauf brachte die Wirtin unser Frühstück. Immerhin, wie es aussah war der Morgen gnädig mit mir und ich konnte mich schon mal etwas stärken, bevor ich mich wieder mit der äußerst... widerspenstigen Beute konfrontiert sah.



    Lumira


    Zu meiner Beruhigung hatten wir, wie es aussah noch ein bisschen Zeit. Denn zwischen dem heutigen Tag und dem Samstag der nächsten Woche lagen noch ein paar Tage.

    Nachdem Cathan nun meine Frage beantwortet hatte, fuhr Narvik fort mit den seinen.

    Bei dem, was Cathan darauf erwiderte, hatte ich von Neuem mit einem Anflug von Fassungslosigkeit zu kämpfen. Wir wurden freigestellt? Die gesamte Zeit bis zum Ball und das auch noch mit sofortiger Wirkung? Das erschien mir trotz Einweisung als sehr großzügig.

    Ich traf auf Narviks fragenden Blick und nickte. "Vielen Dank."

    Scar


    "Umso besser. Ich habe zwar absolut keine Ahnung, wie du ein solches Leben aushältst, aber solange mir niemand vorschreibt, wie ich mein eigenes zu leben habe, kannst du tun und lassen, was du willst." Ich hatte noch nie verstanden, wie Menschen andere Menschen, Familie, Kameradschaft über alles andere in ihrem Leben stellen konnten. Und das auch noch, ohne auch nur einen winzigen Augenblick zu zögern. Das alles war doch so banal, so vergänglich. Meiner Meinung nach musste ein jeder als allererstes mit sich selbst leben können. Ich für meinen Teil konnte das gut. Mir graute viel mehr die Vorstellung mit einem Mal und mit all meinen Entscheidungen an eine Gruppe oder auch nur eine einzige Person gebunden zu sein. Wenn ich jedes Mal erst einmal minutenlang diskutieren müsste oder in der lächerlichsten Variante gar eine Abstimmung abwarten müsste, würde ich ohne Zweifel innerhalb kürzester Zeit den Verstand verlieren. Und wenn mir dieses Glück verwehrt blieb, würde ich Selbstmord begehen... Ja, das war wahrscheinlich.



    Lumira


    Cathan drehte sich nun wieder zu uns. Auf seine Frage hin überlegte ich kurz, ehe mir die wohl Wichtigste Frage einfiel.

    "Da ist tatsächlich noch etwas: Wann genau wird der Ball stattfinden?" Ich hoffte nur, dass er das nicht bereits erwähnt und ich es nur überhört hatte. Auch wenn ich mir das kaum vorstellen konnte, so eine wichtige Information hätte ich kaum vergessen. Ich meinte mich lediglich zu erinnern, dass Cathan von nächster Woche gesprochen hatte, ohne näher auf den genauen Zeitraum einzugehen. Außerdem fiel mir eine Gräfin wieder ein, die er erwähnt hatte und die mir vielleicht etwas helfen könnte, mich nicht ganz so schrecklich unwissend zu fühlen.

    Scar


    "Unvorstellbar. Tatsächlich?" Ich hob verwundert die Augenbrauen. "Hast du mich überhaupt schon einmal richtig angesehen?!"

    Ich trank drei große Schlucke Wasser, mit denen ich das Glas zu fast zwei Dritteln leerte.

    Der gute Jon reiste offenbar doch gerne. So einer war er also. Einer von der Sorte, die gerne spontan verschwanden und ihr Umfeld in den meisten Fällen auch noch mit Vergnügen im Dunkeln ließen. Solche Auftraggeber kannte ich wohl zu genüge. Jonny jedoch schien in Sachen Seltsamkeit noch am ehesten hervorzustechen. Wir würden sehen. Wahrscheinlich tat ich wirklich gut daran, diesem Mann nicht zu trauen.

    "Das ist doch schön für Ranya", gab ich amüsiert zurück. "Vielleicht bequemt sie sich ja doch eines Tages noch mal dahin, wenn sie begreift, dass der Süden jedenfalls sicher nicht zu ihr kommen wird."



    Lumira


    Ich meinte behaupten zu können, Narviks Körpersprache mittlerweile ziemlich gut zu kennen. Und gerade sagte sie mir sehr deutlich, dass Narvik das ganze Gespräch am liebsten auf der Stelle beendet hätte. Seine Kiefer jedenfalls verschoben sich gefährlich und bildeten damit einen höchst seltsamen Kontrast zu dem, was er Cathan antwortete. Was er dann allerdings noch sagte, ließ mich abwehrend den Mund öffnen. Als mein Blick allerdings nur Augenblicke später auf seine grünen Augen traf, die mich sehr lieb anschauten, schloss ich ihn wieder.

    Cathan wandte uns gerade den Rücken zu, indem er aus dem Fenster schaute. Dabei erklärte er ruhig und mit einer geradezu etwas Unspektakuläres suggerierenden Selbstverständlichkeit, dass er Narviks Wunsch gerne nachkommen und uns auf seine Kosten neu einkleiden wollte." Meine Augen jedenfalls weiteten sich über diese Nachricht, mein Blick flog erneut zu Narvik.

    Ich grinste in gespieltem Tadel, dabei war mir wahrscheinlich anzusehen, dass ich darüber genauso positiv überrascht war wie ich es in seinem Gesicht las.

    Scar


    "Ja, ein paar mal waren es wohl schon. Habe da meine größte Auftragsdichte. Die Erfolgsquote ist allerdings ortsunabhängig." Ich warf ihr einen spöttischen Blick zu.

    "Bist noch nicht so viel herumgekommen, was? Jonny verreist wohl nicht so gerne." Ich versuchte, den Namen ausnahmsweise mal ein kleines bisschen weniger anzüglich auszusprechen, denn ich wollte gerade nicht riskieren, dass Ranya von Neuem eingeschnappt war. Dieses Mal meinte ich es wirklich einzig auf das Thema bezogen. Ihr Blick hatte schon beinahe etwas Wehmütiges. Aber man konnte eben nicht alles haben.



    Lumira


    Cathan wiederholte noch einmal, was er mir zuvor bereits gesagt hatte und sah dabei tatsächlich ziemlich zufrieden aus. Zumindest erweckte er bei mir den Eindruck.

    Als er das Wort "Diener" aussprach, sah ich aus den Augenwinkeln zu Narvik hinüber. Bestimmt fand er den Gedanken irgendwo sehr entwürdigend, Cathan oder überhaupt irgendjemandem einen Abend lang unterwürfig dienen zu müssen. Ich konnte ihn verstehen. Und dennoch hoffte ich, dass er nicht sofort aus einem Reflex heraus ablehnen würde. Ich hatte das Gefühl, dass es gut wäre, Cathan in dieser Sache auszuhelfen. Und außerdem spürte ich immer deutlicher, dass ich mich auf den Ball freute. Ich war einfach nur wahnsinnig neugierig.

    Scar


    Bei Lumiras unvermittelter Frage, blickte ich kurz auf.

    "Du bist ganz schön neugierig", stellte ich zunächst einmal fest. Jedoch im Grunde keine neue Erkenntnis. Ich seufzte.

    "Wenn ich euch losgeworden bin... Tja, ich schätze, als erstes freue ich mich und genieße meine neu gewonnene Einsamkeit. Dann ziehe ich weiter, vermutlich gen Süden. Da sind die durchschnittlichen Kopfgelder höher. Genaugenommen habe ich für diesen netten kleinen Auftrag nur einen spontanen Zwischenstopp eingelegt. Aus Mangel an erträglichen Alternativen in dieser Gegend. Zu niedrige Verbrechensrate." Die Wirtin kam mit einem schwankenden Tablett zurück, auf dem sie unsere Getränke balancierte. Sie bekam lediglich meinen letzten Satz mit, in dessen Folge sie die Stirn runzelte.



    Lumira


    Cathan würde sicher froh darüber sein, dass alles so schnell arrangiert werden konnte, denn so wurde wenig seiner Zeit beansprucht. Manchmal fragte ich mich, was er eigentlich den ganzen Tag lang machte. Er war so wohlhabend und doch schien er immerzu beschäftigt zu sein. Mir war auch schon der Gedanke gekommen, dass er sich die Arbeit vielleicht zum Teil auch selber schaffte, nur, um beschäftigt zu sein. Er war nicht nur ein ehrlicher Mann, sondern auch ein fleißiger. Das hieß, sofern ich das im Moment beurteilen konnte.

    Als Narvik nun die Tür öffnete, erwiderte ich seinen Blick noch einmal mit einem zuversichtlichen Lächeln, ehe ich direkt hinter ihm eintrat.

    Scar


    Ich bestellte Wasser und Brot. Dazu etwas Käse, damit die Mahlzeit nicht ganz so karg und trostlos schien. Bei meinem Frühstück war ich alles andere als wählerisch. Wirklich Hunger verspürte ich meist erst im Laufen des Tages. Zumal ich es gewohnt war, mit wenig auszukommen. Über Wochen im Wald lernte man schnell, was es hieß, sich die Dinge einzuteilen. Wasser und Essen waren zu etwas sehr Wertvollem geworden. Was brachten einem Menschen Ruhm und Reichtum, wenn er seinen Körper nicht mit den überlebensnotwendigen Dingen versorgen konnte?

    Hofften wir mal, dass Nennt-mich-Fiona ihren Auftritt nicht auf den Moment anpasste, sodass die Wirtin zuerst zurückkam. Sonst wäre sie sicherlich nicht das einzig Ungemütliche an diesem Morgen.



    Lumira


    Ich sah Narvik an, dass er nicht allzu große Freude angesichts des bevorstehenden Gesprächs verspürte und konnte es ihm natürlich nicht verübeln. Immerhin wäre es ihm sicher am liebsten gewesen, keiner von uns würde diesem Ball beiwohnen. Das hatte er deutlich gemacht. Umso höher war es ihm anzurechnen, als er sich dennoch ein nur minimal halbherzig wirkendes Lächeln für mich abrang. Seine Worte unterstrichen meinen Eindruck.

    Ich lachte leise. "Das weiß ich doch", erwiderte ich und verschränkte grinsend meine Finger mit seinen, während wir mehr oder weniger eilig durch den Regen zum Haus hinüberliefen, wo ich uns auf direktem Weg zu Cathans Bürozimmer dirigierte. Mathilda begegneten wir glücklicherweise nicht. So sparte ich mir eine Erklärung. Das wäre zwar auch kein Problem gewesen, aber so war es natürlich bequemer.

    Scar


    Ich brummte in etwas, das wohl am ehesten Zustimmung nahekam und ging weiter mit gleichmäßig großem Schritt den Gang hinunter. Wir bogen um eine Ecke, danach steuerte ich die zweite Tür rechts an. Der Gastraum war noch recht spärlich bevölkert, aber es war schließlich auch noch früh. Die meisten schliefen sicherlich noch mindestens drei Stunden länger ihren Rausch aus, bevor sie weiterzogen oder aber das erste Bierchen für den heutigen Tag kippten.

    Ich steuerte automatisch einen Tisch in der Ecke an, von dem man eine gute Übersicht hatte. So, wie ich es am liebsten mochte.



    Lumira


    Ich beobachtete mit einem liebevollen Schmunzeln, wie Narvik zunächst verschlafen blinzelte, einen Moment später, bei Erwähnung von Cathans Namen jedoch schlagartig Klarheit in seinen Blick trat.

    Ich biss mir entschuldigend auf die Unterlippe. "Ich hätte dich sicher nicht geweckt, sondern schlafen lassen, wenn Cathan nicht sofort mit uns hätte sprechen wollen. Aber die Chancen stehen besser, als ich es jemals vermutet hätte." Ich versuchte, nicht allzu begeistert zu klingen. Immerhin war in diesem Moment noch gar nichts sicher.

    Stattdessen stützte ich mich auf meine Oberschenkel und stand ebenfalls auf, als Narvik sich erhob.

    Scar


    Meine Worte schienen Ranya zu unterhalten. Poetisch, nannte sie sie. Ich knöpfte meine Weste zu, ohne meinen Blick von ihrem grinsenden Gesicht zu nehmen.

    "Soll vorkommen, dass manch einer versteckte Talente hat", erwiderte ich. Dabei war meine Miene wie so oft unergründlich.

    "Aber schön, dass ich zu deiner Belustigung beitragen konnte. Und jetzt Bewegung, nur weil Gewitter unweigerlich aufziehen, heißt das noch lange nicht, dass man keine Vorkehrungsmaßnahmen treffen kann. Ich will wenigstens vorher was im Magen haben." Dann würde ich vielleicht eine Spur ruhigeren Gemüts sein, sollte das Gewitter mit Namen Nennt-mich-Fiona dann über uns hereinbrechen.



    Lumira


    Ich lächelte erfreut bei seinen Worten.

    "Danke, das werde ich selbst machen." Ich nickte Cathan noch einmal zu, ehe ich mich wieder zur Tür umwandte. "Ich werde in Kürze zurück sein", versicherte ich im. Hoffentlich mit Narvik. Aber die Chancen standen wohl ziemlich gut, denn als ich aus dem Haus trat, regnete es eher noch stärker als zuvor. Ich hastete zur Scheune hinüber, wobei ich wirklich aufpassen musste, nicht auf all dem Schlamm auszurutschen. Unterwegs wurde mir bewusst, dass Narvik sich sicher noch einmal hingelegt hatte, wo er so schlecht geschlafen hatte. Augenblicklich machte sich ein schlechtes Gewissen bei mir breit, weil ich ihn nun würde wecken müssen.

    Tatsächlich war es ruhig in der Scheune, Narvik schien zu schlafen. Ich ging neben ihm in Hocke und strich ihm sanft eine halblange Haarsträhne aus der Stirn.

    "Narvik", flüsterte ich. "Tut mir leid, dass ich dich wecken muss. Aber Cathan möchte mit dir, mit uns, reden. Es gibt vielleicht gute Nachrichten." Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und gab ihm erst mal einen Moment zum Wachwerden.

    Scar


    Ich hörte wie sich die Tür öffnete. Mein Rücken blieb ihr zugewandt, zumindest solange, bis ich Ranyas Stimme wieder vernahm. Ich stieß mich leicht vom Fensterbrett ab, schloss das Fenster mit einem Schwung und drehte mich um. Sie lehnte im Türrahmen und grinste. Anstelle einer Antwort marschierte ich los und an ihr vorbei auf den Gang hinaus. Einzig den Zimmerschlüssel klaubte ivh im Vorbeigehen von dem kleinen, dreibeinigen Tisch.

    Als sie im nächsten Atemzug jedoch Nennt-mich-Fiona erwähnte, hielt ich doch noch einmal nötig.

    "Das wird kaum nötig sein. Gewitter ziehen von alleine auf, da ist nichts gegen zu machen..." Ich hob spöttisch eine Augenbraue. Tatsächlich war ich mir beinahe schon todsicher, dass unsere Beute früher oder später selbst den Weg hinunter und direkt in unsere Arme finden würde. Letzteres natürlich nur in rein bildlichem Verständnis. Ich würde jedenfalls nicht ohne sie gehen und sie ausliefern. Einen Botengang brachte man zu Ende. Wäre ja noch schöner, wenn ich für das ganze Theater hier am Ende dann kein Geld bekäme.