Kurzgeschichten von Sinela

  • Schokolade


    Schokolade – was für ein appetitliches Thema für einen Schreibwettbewerb. Und das mir als alte Naschkatze. Ich bin am überlegen, ob ich wirklich zwei Kilo zunehmen möchte, nur weil ich über diese leckere Sache schreibe. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Welche Idee brütet mein Hirn zu diesem Begriff außer der Gewichtszunahme noch aus? Als allererstes fallen mir natürlich die vielen unterschiedlichen Sorten ein: Vollmilch, Noisette, Trauben-Nuss, Joghurt, Erdbeere, Marzipan – oh man, mich zwickt es schon im Magen. Vielleicht wäre ein kleines Stück ......


    Nein, nicht ablenken lassen, weiter nachgedacht. Soll ich über diese unglaubliche Vielfalt und deren Entstehung schreiben? Wäre wohl nicht so das Richtige, zu langweilig, schließlich will der Leser unterhalten werden. Ha, das ist es: Ich schreibe über „Hot Chocolate“, der Musikgruppe mit den vielen Hits aus den 70iger Jahren. Aber kennt die heute überhaupt noch einer? Ich behalte den Gedanken mal im Hinterkopf und grüble weiter. Wie wäre es mit einer Liebesgeschichte, die in einer Eisdiele spielt? Man lernt sich näher kennen, weil man die gleiche kalte Köstlichkeit bevorzugt: Schokoladen-Eis. Ne, ich hasse Beziehungskisten, also abhaken. Kakao – Schokolade in flüssiger anstatt in erstarrter Form. Man, was für ein genialer Einfall. Das müsste eine Geschichte über ein Kind werden. Armes Waisenmädchen findet nach langem Leidensweg eine neue Familie und bekommt dort jeden Morgen eine große Tasse Kakao, woran sich die erwachsene Frau immer noch mit Wehmut erinnert. Ne, irgendwie zu kitschig. Mhh, wie wäre es mit etwas, das nicht mit dem Essen zu tun hat? Etwa eine Geschichte über den treuen braunen Hund mit Namen Nougat, der bei seinem schwerkranken Herrn wacht? Oder das schokoladenfarbene Wildpferd, hinter dem sowohl Indianer als auch Cowboys her sind, das aber keiner fangen kann? Ja, das wäre schon eher etwas nach meinem Geschmack. „Ein großer Hengst steht am Rand der Pferdeherde, die auf der Mesa grast. Sein Fell schimmert im Sonnenlicht wie Vollmilch-Schokolade...“


    Oh nein, nicht schon wieder dieses Wort, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Was für eine Tortur, dieser Schreibwettbewerb fordert mir wirklich alles ab. Hätte Polli nicht ein anderes Thema wählen können? Wie wäre es mit Fischen oder Pilzen gewesen? Obwohl, da wäre mir wahrscheinlich nur schlecht geworden beim schreiben, weil ich beides nun so gar nicht mag. Was mache ich nur, irgendwie komme ich nicht voran, drehe mich ständig im Kreis. Ich könnte den Hengst ja „Hot Chocolate“ nennen. Schließlich macht so ein Ross ja auch eine Art Musik: Es stampft mit den Hufen und wiehert dazu. Vielleicht kann er ja sogar Gitarre spielen. Ich breche in hysterisches Lachen aus, bekomme kaum noch Luft. Als ich mich nach einigen Minuten wieder beruhigt habe, ist mir eines ganz klar: Nun ist Schluss mit lustig, sonst drehe ich noch völlig durch. Meine Nerven – und mein Magen – machen das nicht mehr mit. Ich werde den PC ausmachen, mich auf das Sofa legen und einbisschen fernsehen. Und dazu dann – eine Tafel Schokolade essen!



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  • Geistertanz


    Dumpf hallten die Trommelschläge über die Prärie, verfingen sich in den Blättern der Bäume am Fluss, ließen die Kreaturen der Nacht verharren. In abgeschwächter Form erreichten die rythmischen Wellen auch die Häuser der Indianer-Agentur. Den beiden Männern, die vor dem Hauptgebäude standen, bescherten sie eine Gänsehaut.
    „Sie tanzen wieder.
    Jede Nacht geht das so, seit Tagen schon. Daraus kann nichts Gutes erwachsen.“
    „Nun mach dir mal nicht gleich in die Hose, Herr Indianeragent“, antwortete sein Gegenüber mit leicht ironischem Unterton, „ lass sie doch herumhüpfen. Da sind sie tagsüber so müde, dass sie nichts anstellen.“
    Lautes Lachen folgte seinen Worten.
    „Ich kann das nicht so locker sehen wie du. Gleich morgen früh werde ich ins Fort reiten und die 7. Kavallerie um Hilfe bitten. Man muss die Drahtzieher verhaften, damit dieser Geistertanz-Wahnsinn aufhört.“
    „Das ist keine gute Idee, Tom. Die 7. hat laut eigener Aussage noch ein Hühnchen mit den Sioux zu rupfen. Ich sage nur Little Big Horn.“
    „Das ist nicht mein Problem. Ich habe hier für Ruhe zu sorgen und wenn es nur mit Gewalt geht.....“
    „Du beschwörst völlig unnötig eineKonfliktsituation herauf. Diese Religion, die der Pajute-Seher Wovoka verbreitet, predigt doch keine Gewalt!“
    „Keine Diskussionen mehr, es ist entschieden. Das ist eine Sache für die Armee und damit basta.“
    Der untersetzte Mann drehte sich um und ging zurück in das Haus, während sich sein Gesprächspartner eine Zigarette drehte und weiter den Trommeln lauschte.


    Hoch loderten die Flammen des großen Feuers, das sich in der Mitte des Indianerlagers befand. Alle Bewohner hatten sich dort versammelt, um dem Medizinmann White Cloud zuzuhören.
    „Hört mich an, ihr Männer und Frauen vom Stamm der Lakota. Die Zeit ist gekommen, in der die Weißen Männer unser Land verlassen werden. Die Büffel, Antilopen und Mustangs werden wieder zahlreich über die Prärie wandern. Die Toten werden wieder kommen, um sich mit uns zu vereinen. Krankheit, Not und Elend werden zusammen mit dem Weißen Mann verschwinden. Es wird keine Kriege und andere Gewalttaten mehr geben. Zieht eure spirituellen Hemden für den Rundtanz an. Er wird uns vor der Katastrophe, die der Erneuerung der Welt vorangehen wird, schützen.“
    Zustimmendes Rufen erklang und kurze Zeit später tanzten alle Indianer um das Lagerfeuer. Federn wippten im Takt, Mokassins glitten geräuschlos über den Boden, sogar ein paar Gewehre wurden abgefeuert – die Menschen waren außer Rand und Band. Bald drehten sich einzelne der Teilnehmer um die eigene Achse, verließen die Gemeinschaft der Runde und fielen in Trance zu Boden. Der Großteil der Männer und Frauen aber tanzte weiter, Wakan Tanka zu Ehren. Endlich hatte er ihre Gebete erhört und würde den Weißen Mann endgültig vertreiben!


    Der Geistertanz verschwand genauso plötzlich wie er ein Jahr zuvor aufgetaucht war, nachdem die 7. Kavallerie am 29.12.1890 den aus der Reservation geflüchteten Stamm der Minniconjou-Sioux an dem kleinen Flüsschen Wounded Knee in Süd-Dakota einholte und 149 Männer, Frauen und Kinder mit Schnellfeuergewehren massakrierte. An diesem kalten Wintertag hatte die Zukunftsmusik der Indianer aufgehört zu spielen.

  • Zuviel gewagt



    Verzweifelt umrundete sie das Haus. Es musste doch eine Möglichkeit geben, dort hinein zu kommen. Es regnete seit Tagen in Strömen und obwohl es laut Kalender Hochsommer war, dümpelte die Temperatur nahe dem einstelligen Bereich herum. Das war selbst für England entschieden zu kalt! Sie fror erbärmlich. Außerdem könnte sie ein ganzes Pferd verspeisen, so hungrig wie sie war. Durch Zufall hatte sie dieses Gebäude entdeckt, als sie Ausschau nach einem trockenen, warmen Platz und etwas zum essen hielt. Schlagartig unterbrach sie ihre Suche und starrte voller Begierde in das Fenster hinein. Der Küchentisch bog sich unter den Speisen, die da standen. Das musste das Schlaraffenland sein, von dem ihr ihre Mutter immer erzählt hatte! Verlockende Düfte hingen in der Luft, ließen ihren Geruchssinn erbeben. Düfte? Das Fenster musste offen sein, sonst würde sie diese herrlichen Sachen nicht riechen können! Und tatsächlich, das Fenster war nur gekippt, sodass sie nach mehreren Anläufen einen Weg ins Innere des Hauses fand. Sie ließ sich auf einem Stuhl am Tisch nieder, schaute voller Begierde auf die verlockenden Dinge, die dort standen: Braten, Hühnchen, Kartoffeln, verschiedene Obst- und Gemüsesorten, mehrere Desserts – womit sollte sie ihren abartigen Hunger zuerst stillen? Lange überlegte sie nicht, dazu war das Loch in ihrem Magen zu groß. Sie begann einfach mit dem Essen, welches ihr am nächsten stand. Sie vergaß ihre Umgebung, nur die Nahrung zählte, und zu ihrem Glück betrat keiner der Hausbewohner die Küche, während sie sich dort gütlich tat.


    Die Morgensonne schien hell in das Zimmer, in dem sie nach ihrem ausgiebigen Mahl Zuflucht gesucht und die Nacht verbracht hatte. Nachdem sie aus ihrem Versteck gekrochen war, wollte sie das Haus schnellstmöglich verlassen. Doch sowohl das Fenster als auch die Tür des Raumes waren verschlossen. Sie hatte Durst, brauchte dringend etwas zum trinken, sonst würde sie den Tag nicht überstehen. Voller Verzweiflung rumste sie gegen das Glas, immer und immer wieder. Ihr Blick fiel nach oben: War das Fenster nicht doch gekippt? Sie versuchte nach oben zu kommen, aber irgendetwas hielt sie erbarmungslos fest. Der Schreck fuhr ihr in alle Glieder, als sie sah, worin sie fest hing. Sie zappelte mit aller Kraft, aber es gab kein Entkommen mehr für sie. Sie würde nie wieder frei sein. Hilflos hing die kleine Stubenfliege im Netz und schaute voller Grauen hinauf zu der großen schwarzen Spinne, die mit eiligen Schritten auf sie zukam.....

  • Ich hab mir die Geschichte gerade durchgelesen - es ist ein schöner und tröstlicher Gedanke, daß man so mit den Tieren, die man geliebt hat, in "Verbindung" bleibt. :) Und vor allem gefällt mir, daß es hierbei auch um "nur ein Meerschweinchen" geht. Gerade die kleinen Nager werden ja oft viel zu schnell vergessen.

    Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.


    (Bertolt Brecht, 1951)


    Kein Krieg nirgends.